15.12.2001
Pendler zwischen den Welten
Von Franz Meier
Sonthofen Im weihnachtlichen Trubel fast unbemerkt hat sich eine hochkarätige
Bilderschau in der Sonthofer Kulturwerkstatt etabliert: Graphiken des 20. Jahrhunderts aus der
Sammlung Arthur Lamka. Kostbare Originale, die gewöhnlich nur in Großstädten beziehungsweise in
bedeutenden Museen zu sehen sind. Nach der großen Ausstellung in der Villa Jauss in Oberstdorf im
August dieses Jahres zeigt Arthur Lamka nun eine kleine Auswahl seiner Schätze in Sonthofen. Alle
wichtigen künstlerischen Techniken der Druckgraphik sind vertreten: Radierung, Holzschnitt,
Lithographie, Siebdruck und sogar der Prägedruck. Die Namensliste der 24 ausgestellten Künstler
liest sich wie das „Who is Who“ der modernen Kunst: darunter sind zum Beispiel Chagall, Vasarely,
Barlach und Max Ernst. Das Besondere für das Oberallgäu aber ist, dass ein gebürtiger Sonthofer,
der zu diesen Großen der Moderne zählt, auch präsentiert wird: Michael Buthe, geboren 1944 in
Sonthofen, ist mit einer faszinierenden Lithographie vertreten. In den 80er Jahren wurde er
berühmt mit Bildern, Objekten und Environments, die zur Kunstform der „Individuellen Mythologien“
gerechnet werden. Der früh verstorbene Pendler zwischen realen und irrealen Welten wurde schnell
ein Star unter den führenden Avantgardekünstlern, mehrmals nahm er an den
„documenta-Ausstellungen“ in Kassel teil – zuletzt 1997 an der „Documenta X“. An der Kunstakademie
in Düsseldorf hatte Buthe eine Professur. Leider ist er in seiner Geburtsstadt Sonthofen noch viel
zu wenig bekannt. Von den längst historischen Größen der Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts
zeigt Arthur Lamka zum Beispiel Lovis Corinth und Max Slevogt, den Meister eines späten
Impressionismus. Ganz aktuell, wenn man Kunst auch von der politischen Seite betrachtet, ist eine
Radierung von Werner Tübka, der ein Aushängeschild der ehemaligen DDR war und der 1989 in
Frankenhausen bei Halle im Staatsauftrag das gespenstische Riesenbild über die Bauernkriege malte.
Aber auch der Allgäu-Metropole Kempten zollt die Ausstellung ihre Referenz: Der regional sehr
bekannte Künstler Heinz Schubert ist mit einer Zinkographie von 1966 präsent. Als Fazit: eine
hochkarätige Versammlung großer Namen, kleinformatige Originale in allen wichtigen Techniken der
Druckgraphik, die meisten handsigniert und datiert, wertvolle Künstlerabzüge darunter und auch
seltene Nachlassdrucke, das alles bietet die Ausstellung in der Kulturwerkstatt. Dass die
Kunstwerke in einer eher gemütlich-bürgerlichen Wohnzimmeratmosphäre dicht gehängt präsentiert
werden, ergibt einen etwas skurrilen Verfremdungseffekt.
Graphik des 20. Jahrhunderts“ ist noch bis 4. Januar in der Sonthofer Kulturwerkstatt zu sehen, geöffnet donnerstags bis sonntags von 12 bis 19 Uhr. Sammler Arthur Lamka führt am Sonntag, 16. Dezember, um 11 Uhr sowie am 27. Dezember und 3. Januar, um 18 Uhr durch die Ausstellung.



