Viel Spaß am Swingjazz
Von Dr. Rainer Schmid
Sonthofen
Volksmusik im Allgäu muss nicht alpenländisch sein. Diesen
Eindruck bekommen die Besucher des Konzertabends mit der Martin Kerber Bigband in der
Kulturwerkstatt Sonthofen. Vor zehn Jahren anlässlich mehrerer musikalischer Auftritte im
Bayerischen Rundfunk bei „Viva la musica“ gegründet, mauserten sich die fast 20 Mitglieder der
„Bigband Oberallgäu“ zu fixen Routiniers des Swingjazz aus den dreißiger Jahren.
Sie spielen die
Klassiker dieses Genres aus dem Effeff, als ob es „ihre“ Musik, also Volksmusik, wäre – und nicht
erst vor einem halben Jahrhundert nach Europa importiert mit den amerikanischen Truppen, die
Hitlerdeutschland befreiten.
Solche Nonchalance macht es auch möglich, dass der Leader seinen
Platz am Dirigierpult so gut wie gar nicht einzunehmen braucht. Wenn halt der Pianist der Band an
einem Auftrittstermin beim Studieren in Würzburg sein muss, setzt sich Martin Kerber selbst an den
Flügel und spielt die fälligen Fills, Intros und Solostellen vom Blatt. Dazwischen greift er zur
Trompete, seinem „angestammten“ Instrument, und lässt ein stilechtes Solo vom Stapel. Um gleich
darauf den Einsatz der Sax-Riege zum Schluss-Thema zu geben – ganz in der Tradition und Manier der
klassischen Konzertmeister, die vom Cembalo aus (wenn sie nicht gerade die erste Geige spielen) ihr
Orchester dirigieren. Count Basie und Duke Ellington, als klaviergestützte Komponisten die Größten
im Bigbandgeschäft, machten es nicht anders.
Aus ihrer Feder stammen die groovigsten Hits der
Band: „The Stripper“, „Splanky“, „Jumping at the Woodside“ (Basie) oder „Take the A Train“ und
„Tribute to the Duke“, ein aufwändig arrangiertes, gern gehörtes Ellington-Medley. Aber auch die
Spezialmischung aus zugkräftigen Namen wie Hugo Strasser, Glenn Miller, Louis Prima, Josef Zawinul
und Tommy Dorsey garantieren den hohen Unterhaltungswert des Repertoires der Band.
Schade
nur, dass den sieben Saxofonen, vier Posaunen, vier Trompeten, Gitarre, Piano, Bass und Schlagzeug
nicht viel mehr Besucher die Waage hielten. Doch das hat echte Volksmusikanten – so wenig wie
überzeugte Jazzer – niemals davon abgehalten, mit viel Spaß an der Freud auch auf der Bühne „ihre“
Musik zu machen.




