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Allgäuer Zeitung

Donnerstag, 2. September 2010
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
09.03.2009

Neugierig sein auf das Neue

Den Begriff «Integration» mag sie nicht: Renan Demirkan, die 53-jährige Schauspielerin und Autorin, hat tscherkessische Wurzeln, ist in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Auf einer Lesung aus ihrem neuen Buch «Septembertee» im Immenstädter Schloss wehrte sie sich gegen eine «Integration», die den Menschen «sich unterordnen» lässt. Lieber spricht sie von «Ankommen», von «Assimilation». «Menschen», sagt die zierliche Künstlerin, «sind keine kulturlosen Wesen». Demirkan war einer Einladung des Landratsamtes Oberallgäu zum Weltfrauentag gefolgt. Die gut besuchte Veranstaltung widmete sich dem Thema «Frauen - Migration -- Integration - Heimat».

In einer kurzen Gesprächsrunde nach der Lesung betonte die Bolsterlanger Bürgermeisterin Monika Zeller, erstes weibliches Gemeindeoberhaupt im Oberallgäu, dass Neues und Altes kompatibel sei. Neues schüre oft Angst, «aber wir empfangen immer noch mehr und müssen nichts Altes aufgeben». Demirkan stimmte ihr vorbehaltlos zu: «Jede Gesellschaft wächst durch das Neue. In unserem ureigensten Interesse müssen wir neugierig sein auf das Neue.» Die Identitätsfrage sieht die Autorin als die Frage der Zukunft.

Dass der Begriff «Heimat» dabei an Schärfe verlieren kann, zeigte in der Diskussion die Philosophin und Künstlerin Dr. Magdalena Willems-Pisarek. Die gebürtige Polin, die seit einigen Jahren im Allgäu lebt, ist nach eigenen Angaben in einer Arbeitersiedlung in einer Großstadt aufgewachsen.

Die Menschen, die dort wohnten, seien arm dran und wollten am liebsten wegziehen. Sie kenne kein Heimatgefühl, sie betrachte sich als Individuum.

«Ein Ich braucht ein Gegenüber, das antwortet»

Demirkan, die mit sieben Jahren nach Deutschland kam, sieht eine gelungene «Assimiliation» als ein «kreatives Wir». Ihr Traum sei, dass jeder «wie in einem Symphonieorchester» sein Instrument spielt und «auf Augenhöhe ein Gleichklang erzeugt» werde.

Mit klugen und klaren Ansichten, aber auch mit ihren eindringlichen Beschreibungen in ihrem Buch, einfühlsam akzentuiert von Anja Heinz-Civelek an der Harfe, stieß Demirkan auf wohlwollende Zustimmung. In «Septembertee» beschreibt die Autorin die Geschichte einer «gebrochenen Biographie».

Sie erzählte von ihrer Mutter, die der «Planet» zwischen «orientalischer Sippenhaft» und «mitteleuropäischem Drill» gewesen sei. Von einer Frau, die aber immer habe «sürück» wollen. Die Existenz in Deutschland sei ihr stets wie ein «geliehenes Leben» vorgekommen. Demirkan: «Ein Ich braucht ein Gegenüber, das antwortet. Niemand kann ein Teil der Gesellschaft werden, wenn die Gesellschaft ihm keinen Platz anbietet.»


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