
Neugierig sein auf das Neue
Den Begriff «Integration» mag sie nicht: Renan Demirkan, die 53-jährige
Schauspielerin und Autorin, hat tscherkessische Wurzeln, ist in der Türkei geboren und in
Deutschland aufgewachsen. Auf einer Lesung aus ihrem neuen Buch «Septembertee» im
Immenstädter Schloss wehrte sie sich gegen eine «Integration», die den Menschen
«sich unterordnen» lässt. Lieber spricht sie von «Ankommen», von
«Assimilation». «Menschen», sagt die zierliche Künstlerin, «sind
keine kulturlosen Wesen». Demirkan war einer Einladung des Landratsamtes Oberallgäu zum
Weltfrauentag gefolgt. Die gut besuchte Veranstaltung widmete sich dem Thema «Frauen -
Migration -- Integration - Heimat».
In einer kurzen Gesprächsrunde nach der
Lesung betonte die Bolsterlanger Bürgermeisterin Monika Zeller, erstes weibliches
Gemeindeoberhaupt im Oberallgäu, dass Neues und Altes kompatibel sei. Neues schüre oft
Angst, «aber wir empfangen immer noch mehr und müssen nichts Altes aufgeben».
Demirkan stimmte ihr vorbehaltlos zu: «Jede Gesellschaft wächst durch das Neue. In
unserem ureigensten Interesse müssen wir neugierig sein auf das Neue.» Die
Identitätsfrage sieht die Autorin als die Frage der Zukunft.
Dass der Begriff
«Heimat» dabei an Schärfe verlieren kann, zeigte in der Diskussion die Philosophin
und Künstlerin Dr. Magdalena Willems-Pisarek. Die gebürtige Polin, die seit einigen
Jahren im Allgäu lebt, ist nach eigenen Angaben in einer Arbeitersiedlung in einer
Großstadt aufgewachsen.
Die Menschen, die dort wohnten, seien arm dran und wollten am
liebsten wegziehen. Sie kenne kein Heimatgefühl, sie betrachte sich als
Individuum.
«Ein Ich braucht ein Gegenüber, das antwortet»
Demirkan,
die mit sieben Jahren nach Deutschland kam, sieht eine gelungene «Assimiliation» als
ein «kreatives Wir». Ihr Traum sei, dass jeder «wie in einem
Symphonieorchester» sein Instrument spielt und «auf Augenhöhe ein Gleichklang
erzeugt» werde.
Mit klugen und klaren Ansichten, aber auch mit ihren eindringlichen
Beschreibungen in ihrem Buch, einfühlsam akzentuiert von Anja Heinz-Civelek an der Harfe,
stieß Demirkan auf wohlwollende Zustimmung. In «Septembertee» beschreibt die
Autorin die Geschichte einer «gebrochenen Biographie».
Sie erzählte von
ihrer Mutter, die der «Planet» zwischen «orientalischer Sippenhaft» und
«mitteleuropäischem Drill» gewesen sei. Von einer Frau, die aber immer habe
«sürück» wollen. Die Existenz in Deutschland sei ihr stets wie ein
«geliehenes Leben» vorgekommen. Demirkan: «Ein Ich braucht ein Gegenüber,
das antwortet. Niemand kann ein Teil der Gesellschaft werden, wenn die Gesellschaft ihm keinen
Platz anbietet.»


