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Freitag, 6. Dezember 2019
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
27.09.2004

Bäckerofen wärmte das Wannenbad

Von Arno Pürschel

Rosi Maucher aus Oberstdorf, die immer noch gemeinsam mit ihrer Tochter Rosemarie im eigenen „Kurbad Maucher“ aktiv ist, feiert heute ihren 80sten Geburtstag. Die rüstige Jubilarin hat die allmähliche Entwicklung des „obersten Dorfes“ zum „Kurort“ großenteils miterlebt. In der Oberstdorfer Pfarrstraße führt sie nämlich die älteste Kureinrichtung im Ort, die auf das Jahr 1884 zurückgeht. Zu ihrem 80. erzählt sie aus deren Geschichte.

„Mein Großvater Georg Hitz war der erste, der die heilklimatischen Werte der Oberstdorfer Luft und Landschaft durch zusätzliche ,Kurmittel’ ergänzte. Damit wurde ein erster Schritt in Richtung Kurort getan“, erzählt Rosi Maucher. Für die Menschen sei die Gesundheit eines der am meisten erstrebten Güter. Deshalb werde die Bereitschaft weiter zunehmen, auch im Urlaub etwas dafür zu tun. Aber: „Die wichtigste Voraussetzung für die Gesundheit ist der Einklang von Körper und Seele. Wer meint, Gesundheit und Wohlbefinden hingen nur von Dingen ab, die er unter den Begriffen „Kur“ oder „Wellness“ für Geld kaufen kann, sollte zunächst über sich selbst nachdenken”, hat Rosi Maucher in ihrer alltäglichen beruflichen Praxis erkannt. Wegen ihrer unauffälligen, aber unablässigen karitativen Arbeit im Dienste alter, kranker und leidender Mitmenschen wird sie von manchem im Dorf auch der „heimliche Engel von Oberstdorf“ genannt.
„Wie aus unserer Familienchronik hervorgeht, war Großvater Georg Hitz ein ungewöhnlicher Mensch“, steht für die Jubilarin fest. Als lediges Kind hatte dieser früh lernen müssen, sich durchzubeißen. Nachdem Hitz als junger Mann bei fremden Bauern als Knecht gedient hatte, erlernte er das Bäckerhandwerk und heiratete als völlig unbemittelter Mann die Tochter eines wohlhabenden Gutsherrn aus Schochen. Die Braut hatte, obwohl sie auf Druck ihrer Eltern einen reichen Kaufmann heiraten sollte, stattdessen trotzig ihre Liebe Georg Hitz geschenkt. Um diesen, wie der Brautvater meinte, „Sprung ins Ungewisse“ abzufedern, stattete er seine Tochter mit 20000 Goldmark Mitgift aus und kaufte für die Brautleute in Oberstdorf das Haus „Titscher“, das fortan das „Schochenhaus“ genannt wurde. Nach der Heirat richtete Georg Hitz dort eine „Bäckerei samt Ökonomie“ (Ladengeschäft) ein. „Dabei kam ihm die bahnbrechende Idee, die Wärme seines Backofens zur Erhitzung von Wasser zu Badezwecken zu nutzen“, erzählt seine Enkeltochter Rosi Maucher bewundernd. „Denn in einer Zeit, als es außer den Freibädern am Moorweiher und Freibergsee keine andere Bademöglichkeit im Dorf gab, hatte er den Mut, das erste Badezimmer für Kurgäste im Ort einzurichten.“ Schon bald wurden im Schochenhaus auch medizinische Bäder verabreicht und auf „Elektro-Lichtbäder“ ausgeweitet, heißt es in der „Geschichte des Marktes Oberstdorf” über diese wohl ältesten Oberstdorfer physikalischen Kureinrichtung.
Elektro-Schwitzkasten
Später seien auch die ersten „Fremdenzimmer“ im Haus eingerichtet worden, und Hitz sei mit seiner Bäckerei in ein anderes Haus umgezogen, um mehr Raum für den Ausbau der „Badeanstalt” zu gewinnen. Dort richtete er danach zehn Badezimmer mit zwölf Email- und einer Holzbadewanne für Moorbäder ein – und stellte als eine Art „Sauna-Vorläufer“ einen „Elektro-Schwitzkasten“ auf. „Kongestion zu Kopf und Herzen / Hexenschuss und Rückenschmerzen / wasche ab im Wannenbad“, lautete damals Großvaters Werbespruch. 1921 übergab er das Haus seiner Tochter Christine, die Matthäus Maucher heiratete – den Vater der heutigen Seniorchefin. Dieser habe sich auf die so genannten „Para-Bäder“ zur Behandlung rheumatischer Beschwerden spezialisiert und durch den Einbau des ersten Sauna-Ofens und eines Tauchbecken für einiges Aufsehen im Dorf gesorgt. „So entstand die „Kuranstalt Schochenhaus“, die dann nach etlichen Umbauten und Modernisierungen zum heutigen „Kurbad Maucher“ wurde.
Seit Matthäus Mauchers Tod im Jahre 1957 leitet seine Tochter das Familienunternehmen. Nach wie vor eigne sich Oberstdorf „für alle Erkrankungen, bei welchen verdünnte Luft, Höhenklima und ergänzende Behandlungen durch Bäder angezeigt sind“, wie Prof. Dr. Adolf Thürlings begründete, warum er in seinem „Handbuch über Oberstdorf“ 1891 den Ort erstmals als „heilklimatischen Kurort“ bezeichnete. „Diese Aussage gilt immer noch“, betont Rosi Maucher: „Ich bin trotz allen Wandels von der heilenden Wirkung dieser klassischen Kur-Anwendungen fest überzeugt.“

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